StartStadtentwicklungNächster Blitzer-Anschlag im Landkreis: Diesmal Farbe, Brandbeschleuniger – und ein rätselhafter Knall

Nächster Blitzer-Anschlag im Landkreis: Diesmal Farbe, Brandbeschleuniger – und ein rätselhafter Knall

Wieder ein Blitzer-Anhänger, wieder mitten in der Nacht, wieder ein Knall, der Anwohner aus dem Schlaf reißt. In der Nacht zum Dienstag brannte an der Fischbecker Landstraße in der Hamelner Nordstadt ein teilstationärer Geschwindigkeitsmesser. Doch die Handschrift des Täters weicht von der Sprengung an der B217 ab – und wirft eine Frage auf, die sich mit Feuer allein nicht beantworten lässt.

Nach Darstellung der Deister- und Weserzeitung (Dewezet) wurden Anwohner der Nordstadt gegen 1.15 Uhr von einem lauten Knall geweckt, begleitet vom Heulen einer Alarmsirene. Ein Augenzeuge habe aus dem Fenster gesehen, dass der von der Landkreisbehörde aufgestellte Blitzer-Anhänger brannte, und eine dunkel gekleidete Person – schwarzer Hoodie, schwarze Hose, dunkle Schuhe, mutmaßlich ein schwarzer Rucksack – in Richtung des nahegelegenen Rewe-Marktes fliehen sehen. Der Zeuge alarmierte laut Dewezet den Notruf und meldete ein Feuer nach einer Sprengung.

Kurz darauf rückten dem Bericht zufolge der Löschzug der Feuerwehr-Wachbereitschaft, ein Rettungswagen und Kräfte der Polizeiinspektion aus. Weil unklar gewesen sei, ob es auch im Inneren der tonnenschweren Konstruktion brannte, habe der Einsatzführungsdienst den Anhänger mit einem hydraulischen Spreizer öffnen lassen.

Erst Farbe, dann Feuer

Das entscheidende Detail liefert ebenfalls die Dewezet: Das Panzerglas-Sichtfenster, hinter dem die empfindliche Messtechnik sitzt, sei mit grauer Farbe besprüht worden. Erst danach habe der Täter einen flüssigen Brandbeschleuniger ausgeschüttet und entzündet; am Brandort habe es nach Benzin gerochen.

Dieses Vorgehen – zuerst die Optik unbrauchbar machen, dann Feuer legen – verbindet den aktuellen Fall möglicherweise mit dem Vorfall im Bad Münderaner Ortsteil Rohrsen, wo im Juli lediglich der Schriftzug „ACA“ auf ein Gerät gesprüht wurde. In beiden Fällen steht das Sichtfenster im Mittelpunkt des Angriffs. Ob dahinter derselbe Täter oder dieselbe Methode steckt, ist offen; eine offizielle Einordnung der Ermittlungsbehörden liegt nicht vor. Es gibt einige weitere Fälle aus den letzten Jahren, in denen ebenfalls schwarze Farbe auf die Blitzeranhänger gesprüht wurde.

Der Knall, den das Feuer nicht erklärt

Bemerkenswert ist ein Widerspruch, den auch die Dewezet benennt: Einen Schaden, der auf eine Explosion hindeutet, war nach dem Bericht am Gerät nicht zu erkennen – die Ursache des lauten Knalls blieb unklar. Genau hier liegt die offene Frage dieses Falls.

Ein reiner Brandanschlag mit Benzin erzeugt normalerweise keine Detonation. Für den Knall kommen mehrere Erklärungen in Betracht, ohne dass sich eine belegen ließe: eine schlagartig verpuffende Benzin-Luft-Mischung im geschlossenen Anhänger, ein berstendes Bauteil unter Hitze – oder ein separater Knallkörper, der zur Zündung eingesetzt wurde. Solange die Ermittlungen laufen, bleibt das Spekulation. Auffällig ist der Fall dennoch: Er trägt äußerlich die Lautstärke einer Sprengung, ohne deren typisches Schadensbild zu hinterlassen.

Die Höhe des Schadens ist derzeit nicht bekannt.

Eine Serie, die sich verdichtet

Der Anschlag reiht sich in eine Entwicklung ein, die den Landkreis Hameln-Pyrmont in diesem Jahr wiederholt getroffen hat. In der Nacht zum 8. Juni hatten unbekannte Täter an der Springer Landstraße (B217) einen Sprengkörper an einem baugleichen Anhänger angebracht und gezündet. Die Detonation beschädigte damals das Sichtglas, den tragenden Stahlrahmen und vor allem den LiDAR-Scanner – das optische Herzstück der Anlage. Nach meiner Einschätzung dürfte sich der Schaden dort auf rund 70.000 Euro belaufen.

Wenige Wochen später traf es Rohrsen, wenn auch nur mit Farbe. Und nun die Fischbecker Landstraße. Die Angriffe unterscheiden sich in Wucht und Methode – von der Schmiererei über den Brand bis zur Sprengung –, richten sich aber stets gegen dieselbe Geräteklasse: autonom arbeitende „Enforcement Trailer“, die tage- und nächtelang ohne Aufsicht am Straßenrand stehen und zum Sinnbild eines Konflikts geworden sind, der mit dem einzelnen Tempoverstoß wenig zu tun hat.

Bundesweit ist das Muster bekannt. Im Landkreis Görlitz gab die Behörde den Einsatz solcher Anlagen nach mehreren Anschlägen ganz auf, weil kein Verleiher mehr ein Gerät bereitstellte. Auch im Landkreis Lüneburg wurden Anhänger gesprengt, mit Schäden von teils 100.000 Euro.

Warum die Daten die Tat überleben

Wer mit solchen Anschlägen belastende Aufnahmen vernichten will, verfehlt sein Ziel. Die semistationären Anlagen übertragen ihre Falldaten fortlaufend per Mobilfunk an die zuständigen Systeme; bereits erfasste Geschwindigkeitsverstöße bleiben daher gespeichert und werden weiter verfolgt, auch wenn das Gerät später zerstört wird. Ein Motiv aus verdecktem Eigeninteresse ist damit technisch wenig plausibel – was den Verdacht nährt, dass die Geräte als solche das Ziel sind, nicht die einzelne Messung.

Rechtlich kein Bagatellfall

Auch ohne Sprengwirkung ist die Tat kein Kavaliersdelikt. Das Anzünden eines fremden Geräts erfüllt mindestens den Tatbestand der Sachbeschädigung nach § 303 StGB; je nach Tatausführung und Gefährdungslage kommen schwerere Delikte in Betracht, etwa im Zusammenhang mit Brandstiftung. Die aufgesprühte Farbe allein wäre bereits strafbar, weil § 303 StGB ausdrücklich auch die erhebliche, nicht nur vorübergehende Veränderung des Erscheinungsbilds erfasst.

Wie geht es weiter?

Für den Landkreis stellt sich mit jedem weiteren Anschlag dieselbe Frage drängender: Wie lange stellt der Verleiher noch Geräte bereit, wenn diese im Wochenrhythmus beschädigt werden? Das Beispiel Görlitz zeigt, dass am Ende dieser Entwicklung der vollständige Verzicht auf die mobile Tempoüberwachung stehen kann – nicht aus einer politischen Entscheidung heraus, sondern weil sich kein wirtschaftlich tragfähiger Betrieb mehr organisieren lässt.

Ob im Fall Fischbecker Landstraße Hinweise auf den flüchtigen Täter vorliegen und was den Knall verursacht hat, dürfte in den kommenden Tagen erkennbar werden.

Enforcement-Trailer von Vitronic - KameramodulQuelle: Vitronic

Der Hersteller, Vitronic, bietet auch Kameramodule an, die die Blitzeranhänger vor Vandalismus schützen sollen. Hierbei handelt es sich um eine 360° Überwachung, die auf die Anhänger montiert wird. Warum der Landkreis sich gegen dieses Extra entschieden hat, ist unklar. Für die Zukunft könnte dies geeignet sein, jedenfalls auf Amateure abschreckend zu wirken.

Diese wäre jedoch vermutlich nicht geeignet, entschlossene Täter zurückzuhalten. Während – in der Theorie – ein Alarmsignal in der Leitstelle auftauchen soll, so liegen der Redaktion Hinweise vor, wonach das in Hameln nicht der Fall sei und es sich lediglich um einen lokalen Alarm handle. Und dass ein Signal überhaupt übermittelt werden kann, setzt eine bestehende Datenverbindung voraus, die entschlossene Täter mittels Jammern für die Dauer ihres „Unterfangens“ unterdrücken können.

Quelle: Jammer Store

Solche Störsender werden im Onlinehandel offen beworben – das hier beispielhaft abgebildete Modell HJ-J28 kann man beispielsweise für rund 1.100 Euro im „Jammer Store“ kaufen. Das Modell soll nach Angaben des Händlers 28 Frequenzbänder gleichzeitig blockieren, darunter Mobilfunk (2G bis 5G), WLAN und GPS. Die Reichweite gibt der Anbieter je nach Umgebung mit wenigen bis zu mehreren Dutzend Metern an.

Ein akkubetriebenes Gerät dieser Größe passt in einen Rucksack. Für die hier geschilderte Problematik ist der technische Punkt entscheidend: Wird die Funkverbindung eines Blitzer-Anhängers während der Tat unterdrückt, kann ein auf Datenübertragung angewiesenes Alarmsignal die Leitstelle unter Umständen nicht erreichen.

In Deutschland sind Betrieb und Besitz solcher Sender nach dem Telekommunikationsgesetz verboten; die Bundesnetzagentur zieht entsprechende Geräte ein, weil sie auch Notrufe und den Funkverkehr Dritter stören können.

Bildquellen

  • Enforcement-Trailer von Vitronic – Kameramodul: Vitronic
  • 260721-Jammer: Jammer Store
  • Blitzt nicht mehr: Anhänger des Landkreises HM-PY: Privat

NEUESTE MELDUNGEN