Wer den Streit um den Miegelweg verfolgt, hört viel über Agnes Miegel, das sie entlasten soll. Sie habe keine antisemitischen Verse geschrieben. Sie sei entnazifiziert worden. Sie habe nur ihre Heimat geliebt. Willy Brandt habe sie besucht, Reich-Ranicki habe sie in seinen Kanon aufgenommen.
Das mag alles zutreffen. Es beantwortet nur die falsche Frage.
Eine Straße nach einem Menschen zu benennen, ist eine Ehrung. Zu dieser Ehre gehört mehr als der Nachweis, dass jemand „vielleicht gar kein richtiger Nazi“ war. Agnes Miegel hat Hitler in Versen gehuldigt, sie ist in die NSDAP eingetreten, sie hat die Preise des Regimes angenommen und sich nach 1945 jeder Auseinandersetzung verweigert. Wer so handelt, mag eine große Dichterin sein. Ein Vorbild, nach dem eine Stadt ihre Straßen benennt, ist sie nicht.
Bemerkenswert ist, dass dem im Hamelner Rat niemand widerspricht. Auch CDU und FDP sagen nicht, Miegel habe die Ehrung verdient. Sie sagen nur, eine Umbenennung sei zu aufwendig. Das ist ein bemerkenswertes Argument: Man hält eine Ehrung für unverdient, will sie aber aus Bequemlichkeit weiter aussprechen.
Informationstafeln allein sind kein Ausweg. Sie stehen an der Straßenecke. Der Name aber steht auf jedem Brief, jedem Paket, jedem Ausweis, ohne jede Erklärung.
Das heißt nicht, dass die Anwohner Unrecht hätten. Ihr Ärger über den Aufwand ist berechtigt: Neue Papiere, Behördengänge und geänderte Geschäftspost kosten Zeit und Nerven, und sie haben sich die Umbenennung nicht ausgesucht. Die Mehrheitsgruppe hat das allerdings bedacht: Ihr Antrag sieht vor, dass sämtliche Kosten übernommen und die Anwohner an der Wahl des neuen Namens beteiligt werden. Entscheidend wird sein, dass die Stadt dieses Versprechen einlöst und die Umstellung aktiv und unbürokratisch begleitet, statt die Anwohner mit Formularen allein zu lassen. Eine Frau, die im Widerstand stand oder Opfer des Regimes wurde, und deren Namen die Nachbarn selbst mit aussuchen: Das wäre ein Ergebnis, auf das die Straße stolz sein könnte.
Anett Dreisvogt (Grüne) weist zurecht darauf hin, dass es noch weitere problematische Namen Hamelner Straßen gebe. Die Konsequenz daraus ist aber nicht, keinen einzigen zu ändern, wie Hans-Günter Limberg (FDP) sie zieht. Die Konsequenz ist, alle zu prüfen, nach klaren Regeln, ein für alle Mal.

