Rot-Rot-Grün will die Straße in der Nordstadt umbenennen, CDU, FDP und AfD wollen den Namen behalten, und die Anwohner fühlen sich übergangen. Dabei sind sich fast alle Beteiligten in einem Punkt einig: Agnes Miegel hat die Ehre nicht verdient. Gestritten wird darüber, was daraus folgt.
Knapp 300 Meter lang ist der Miegelweg, eine ruhige Wohnstraße in der Hamelner Nordstadt, parallel zur Fischbecker Straße. Einfamilienhäuser, ein paar Firmenschilder, Tempo 30. Nichts an dieser Straße wirkt spektakulär, bis auf ihren Namen. Den gibt es in dieser Form nur hier: Einen Miegelweg führt kein anderes deutsches Straßenverzeichnis. Benannt ist er nach Agnes Miegel, der ostpreußischen Balladendichterin, die ab 1933 zu den prominentesten literarischen Stimmen des NS-Staates gehörte.
Seit Monaten beschäftigt dieser Name die Hamelner Kommunalpolitik. Nun ist eine Umbenennung näher gerückt.
Der Stand: Mehrheit im Ausschuss, Umbenennung zum 10. Mai 2028
In einer eigens zu diesem Thema einberufenen Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses sprach sich am Mittwoch, 23. September, die Mehrheit der Mitglieder für eine Umbenennung aus. Getragen wird der Vorstoß von der Ratsgruppe aus SPD, Grünen und Linken.
Das Datum ist bewusst gewählt. Die Umbenennung soll zum 10. Mai 2028 wirksam werden, dem 95. Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen. Auch der künftige Name ist bereits eingegrenzt: Er soll an eine Frau erinnern, die Opfer des Nationalsozialismus wurde oder Widerstand gegen das Regime leistete. Ein konkreter Name steht noch nicht fest.
Der Weg zu diesem Punkt war nicht geradlinig. Bereits im Juni hatte sich eine Mehrheit grundsätzlich für die Umbenennung ausgesprochen. Im August erhielten die Anwohner Gelegenheit, ihre Einwände ausführlich vorzutragen. Die Entscheidung wurde damals vertagt.
Wer war Agnes Miegel?
Agnes Miegel wurde am 9. März 1879 in Königsberg als Tochter eines Kaufmanns geboren. Sie wuchs in einem protestantisch-konservativen Elternhaus auf und veröffentlichte 1901 ihren ersten Gedichtband. Mit den „Balladen und Liedern“ von 1907 wurde sie bekannt. Ihre Balladen, allen voran „Die Frauen von Nidden“ über den Ausbruch der Pest in einem Fischerdorf auf der Kurischen Nehrung, gelten literarisch bis heute als herausragend. Marcel Reich-Ranicki nahm 2005 fünf ihrer Gedichte in seinen Kanon der deutschen Literatur auf.
In den 1920er-Jahren arbeitete Miegel als Feuilletonredakteurin der „Königsberger Zeitung“. Ihre Texte über Brauchtum, Handwerk und Alltagsleben in Ostpreußen sind heute kulturhistorische Quellen. Für viele Vertriebene wurde sie nach 1945 zur „Mutter Ostpreußen“, zur Stimme einer verlorenen Heimat. Im Februar 1945 floh sie aus Königsberg nach Dänemark, verbrachte ein Jahr in einem Internierungslager und fand 1948 in Bad Nenndorf, gut 30 Kilometer von Hameln entfernt, eine neue Heimat. Dort starb sie 1964.
Miegel und der Nationalsozialismus
Miegels Haltung zum NS-Staat war keine bloße Anpassung. Die Stationen:
1933 wurde sie Mitglied der gleichgeschalteten Preußischen Akademie der Künste und trat der NS-Frauenschaft bei. Im Oktober desselben Jahres gehörte sie zu den 88 Schriftstellern, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ an Adolf Hitler unterzeichneten. Sie verfasste Huldigungsgedichte auf Hitler, darunter „An den Führer“ (1940). Ihr Gedichtband „Ostland“ fand das ausdrückliche Wohlgefallen der Machthaber. Sie erhielt das Ehrenzeichen der Hitlerjugend und 1940 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt, eine der höchsten Literaturauszeichnungen des Reiches. Im selben Jahr trat sie in die NSDAP ein. Selbst ihre ihr wohlgesonnene Biografin Anni Piorreck beschreibt, dass Miegel den Ruhm dieser Jahre genoss.
Nach 1945 schwieg sie. Im Entnazifizierungsverfahren 1949 wurde sie entlastet. Auf die Frage nach ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus antwortete sie, dafür sei sie allein Gott und ihrem Gewissen Rechenschaft schuldig. Zu den Verbrechen des Regimes, von denen sie spätestens nach Kriegsende wusste, äußerte sie sich öffentlich nie. Ihre langjährige Freundin Ina Seidel, ebenfalls eine frühere Hitler-Verehrerin, hatte sich dagegen zu einer Distanzierung durchgerungen.
Die Befürworter: Kein Platz für eine NS-Propagandistin
Für SPD, Grüne und Linke ist die Sache eindeutig. Kurt Meyer-Bergmann (SPD) begründete die Umbenennung laut Dewezet ausdrücklich mit dem Erstarken des Neofaschismus. Gerade jetzt müsse der Name verschwinden. Bettina Schultze (SPD) erklärte, Miegel habe es nicht verdient, dass eine Straße nach ihr benannt sei. Hagen Langosch (Grüne) wandte sich gegen Erklärtafeln als Ersatzlösung: Der Name bleibe über Adressen und Briefköpfe präsent und werde so täglich ohne jede Einordnung weitergetragen.
Unterstützung kommt aus der Geschichtswissenschaft. Der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom, der sich seit Jahrzehnten mit der NS-Geschichte der Stadt befasst, verweist auf Miegels deutliche Nähe zum Regime und auf ihre fehlende Einsicht nach 1945. Den Ärger der Anwohner über den Aufwand könne er nachvollziehen. An der Notwendigkeit der Umbenennung ändere das nichts.
Die Gegner: Aufwand, Vertriebene, Folgefälle
CDU und FDP lehnen die Umbenennung ab. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen den bürokratischen Aufwand für die Anwohner. Zudem verweisen sie auf Miegels Bedeutung für die vertriebenen Ostpreußen, für die ihr Werk bis heute ein Stück Erinnerung an die verlorene Heimat ist.
Anett Dreisvogt (Grüne) wies darauf hin, dass es in Hameln noch weitere Straßennamen gebe, die als problematisch gelten könnten. Hans-Günter Limberg (FDP) erwiderte, er wolle sich nicht immer wieder mit solchen Umbenennungen beschäftigen.
Als Alternative schlagen die Gegner Informationstafeln vor, die den Straßennamen historisch einordnen. Die kommen gemäß der Initiative der Mehrheitsgruppe nun zusätzlich.
Am deutlichsten ist der Widerstand vor Ort. 84 Anwohner haben sich gegen die Umbenennung ausgesprochen. Nach der Anhörung im August warfen sie der Politik vor, ihre Vorschläge und Bedenken schlicht zu übergehen.
Einigkeit, wo man sie nicht erwartet
Bemerkenswert ist, worüber in Hameln nicht mehr gestritten wird. Dass Agnes Miegel die Ehre eines Straßennamens nicht verdient hat, darüber herrscht unter den Ratspolitikern inzwischen Einigkeit. Keine Fraktion verteidigt Miegel als unbelastet. Auch CDU und FDP argumentieren nicht mit ihrer Unschuld, sondern mit Kosten, Aufwand und Tradition.
Der Streit dreht sich damit nicht um die Bewertung der Dichterin, sondern um eine Verfahrensfrage: Genügt es, eine unverdiente Ehrung zu erklären, oder muss man sie zurücknehmen?
Was ist eine Ehrung wert?
Straßennamen sind keine neutralen Ortsbezeichnungen. Wer eine Straße nach einem Menschen benennt, spricht eine öffentliche Anerkennung aus, und zwar nicht einmal, sondern jeden Tag aufs Neue, auf jedem Briefumschlag, jeder Paketlieferung, jedem Navigationsgerät.
Andere Kommunen haben für solche Fälle Kriterien entwickelt. Viele Städte haben ihre Straßennamen von Historikerkommissionen überprüfen lassen. Entscheidend ist dort meist nicht die bloße Parteimitgliedschaft, sondern ob jemand das NS-Regime aktiv gefördert, propagandistisch unterstützt oder davon profitiert hat, und wie er sich nach 1945 dazu verhielt.
Legt man diese Maßstäbe an, fällt die Bilanz eindeutig aus. Miegel war mehr als eine Mitläuferin: Sie lieferte dem Regime Gedichte, nahm seine Preise an und nutzte ihren Ruhm. Nach dem Krieg verweigerte sie jede Aufarbeitung.
Die Verteidiger Miegels verweisen darauf, dass sich in ihrem Werk weder antisemitische Hetze noch Forderungen nach „Lebensraum im Osten“ finden. Das trifft zu. Die Frage ist aber nicht, ob Miegel die schlimmste unter den NS-Dichtern war. Die Frage ist, ob die Stadt Hameln heute eine Straße nach ihr benennen würde. Das würde sie nicht, und das bestreitet im Rat auch niemand.
Was die Umbenennung für die Anwohner bedeutet
Für die Bewohner und Gewerbetreibenden am Miegelweg ist die Umbenennung keine abstrakte Geschichtsdebatte. Adressen müssen geändert werden: im Personalausweis, in den Fahrzeugpapieren, bei Banken, Versicherungen, Versorgern, Kunden und Lieferanten. Am Miegelweg sind auch mehrere Firmen gemeldet, für die neue Briefbögen, Stempel und Werbematerialien anfallen.
In der Regel ändern die Meldebehörden die Adresse bei einer amtlichen Umbenennung von Amts wegen und kostenlos. Ob die Stadt Hameln darüber hinaus Kosten übernimmt und welche Übergangsfristen gelten, ist bis zur Entscheidung im Stadtrat unklar. Der lange Vorlauf bis Mai 2028 dürfte den Umstieg erleichtern.
Der Blick über Hameln hinaus
Hameln ist mit dieser Debatte nicht allein. Zahlreiche Städte und Gemeinden haben Agnes-Miegel-Straßen und -Schulen in den vergangenen Jahren umbenannt. In Bad Nenndorf, wo Miegel ihre letzten Lebensjahre verbrachte und 1954 Ehrenbürgerin wurde, wurde ihr Denkmal im Februar 2015 aus dem Kurpark entfernt. Die Agnes-Miegel-Gesellschaft, 1969 gegründet und in Bad Nenndorf ansässig, pflegt dagegen weiter das Andenken der Dichterin.
Wie es weitergeht
Nach dem Votum im Stadtentwicklungsausschuss muss der Rat am 8. Oktober abschließend entscheiden. Hinzu kommt eine politische Unbekannte: In wenigen Wochen konstituiert sich der Rat neu.

