Manche Bücher beschreiben, wie Macht funktioniert. Der Proceß beschreibt, wie sie sich anfühlt.
Franz Kafka schrieb den Roman 1914 und 1915, ließ ihn unvollendet und bat seinen Freund Max Brod, ihn nach seinem Tod zu vernichten. Brod veröffentlichte ihn 1925, ein Jahr nach Kafkas Tod. Dass wir ihn kennen, ist ein Glücksfall. Dass wir ihn brauchen, ist kein gutes Zeichen.
Worum es geht
Josef K., Prokurist einer Bank, wird eines Morgens verhaftet — ohne Angabe eines Grundes, ohne Erläuterung der Anklage, ohne dass irgendjemand sagen könnte, gegen welches Gesetz er verstoßen haben soll. Er ist nicht eingesperrt; er kann seinen Alltag weiterführen. Nur das Verfahren läuft. Es läuft die ganze Zeit. Das Gericht, das über ihn urteilt, hat keinen festen Ort. Die Anklageschrift ist nicht zugänglich. Die Zuständigkeiten sind unklar. Wer zuständig ist, verweist auf jemand anderen. Josef K. versucht zu verstehen, zu erklären, sich zu verteidigen. Das System nimmt das zur Kenntnis. Es ändert sich dadurch nicht.
Entstehung und Wirkung
Kafka schrieb den Roman in einer Zeit, in der die österreichisch-ungarische Bürokratie ein Eigenleben führte, das ihre Bürger als undurchdringlich erlebten — nicht als böse, sondern als neutral, verfahrensmäßig, zuständig. Er selbst war Versicherungsangestellter und kannte Behörden von innen. Der Proceß erschien zuerst 1925 in Berlin, wurde in der NS-Zeit verboten, nach dem Krieg zum Weltliteratur-Kanon erklärt. Heute gehört er zu den meistgelesenen deutschen Romanen überhaupt. Begriffe wie „kafkaesk“ sind ins Alltagsdeutsch eingegangen — für Situationen, in denen Verfahren laufen, ohne dass jemand erklären kann warum, und enden, ohne dass jemand sagen kann wie.
Was das Buch wirklich zeigt
Das Beunruhigende an Kafkas Roman ist nicht, dass das System böse ist. Es ist, dass es das nicht sein muss. Niemand im Proceß tut etwas offenkundig Falsches. Die Wächter führen eine Anordnung aus. Der Untersuchungsrichter hält Verhandlung. Der Anwalt kennt die Gepflogenheiten. Der Priester erklärt die Lage. Alle handeln innerhalb ihrer Zuständigkeit. Das Ergebnis ist trotzdem — oder gerade deshalb — das, was es ist.
Josef K. scheitert nicht, weil jemand gegen ihn intrigiert. Er scheitert, weil das System nicht für ihn konstruiert ist, sondern für sich selbst. Es braucht ihn nicht zu vernichten; es braucht ihn nur zu beschäftigen.
Warum dieses Buch heute relevant ist
Kafkas Roman wird oft als Metapher auf Diktaturen gelesen. Das ist zu eng. Er beschreibt etwas, das keine Diktatur braucht: die Erfahrung, dass man formal alle Rechte hat und trotzdem nicht weiterkommt. Widerspruch einlegen: möglich. Anwalt nehmen: möglich. Klage erheben: möglich. Und am Ende stellt man fest, dass alle Wege beschritten wurden, alle Fristen gewahrt, alle Formulare ausgefüllt — und das Verfahren trotzdem seinen Gang geht.
In demokratischen Rechtsstaaten ist das die Form, die Machtasymmetrie am häufigsten annimmt: nicht Verbote, sondern Verfahren. Nicht Gewalt, sondern Zuständigkeiten. Nicht Willkür, sondern Ermessen.
Josef K. wird am Ende hingerichtet. „Wie ein Hund“, sagt er. Das Verfahren ist da bereits abgeschlossen.
„Es gibt eine Lüge, die zur Weltordnung gemacht wird, und man muss sie respektieren.“ — Franz Kafka, Der Proceß.

