Wo bis Ende 2021 Atomstrom erzeugt wurde, könnten eines Tages Rechner für künstliche Intelligenz laufen. Der Kraftwerksbetreiber PreussenElektra, eine Tochter des Energiekonzerns E.ON, prüft gemeinsam mit dem US-Chiphersteller Nvidia, ob sich ehemalige Kernkraftwerksstandorte für sogenannte KI-Fabriken eignen – große Rechenzentren, in denen KI-Modelle trainiert und betrieben werden. Zu den Standorten gehört das frühere Kernkraftwerk Grohnde in der Gemeinde Emmerthal. Die Unternehmen haben das Vorhaben am Mittwoch, 21. Oktober 2026, angekündigt.
Entschieden ist nichts. Die Prüfung sei ergebnisoffen, über Investitionen oder konkrete Standorte gebe es noch keine Beschlüsse, heißt es. Zunächst sollen technische, wirtschaftliche und rechtliche Fragen geklärt werden. PreussenElektra ist für Stilllegung und Rückbau von acht ehemaligen Kernkraftwerken in Deutschland verantwortlich. Was die Standorte aus Sicht der Unternehmen interessant macht, ist das, was nach dem Abriss übrig bleibt: Industrieflächen und vor allem leistungsstarke Anschlüsse an das Stromnetz.
Ein Netzanschluss, wie es ihn selten gibt
Der Anschluss ist tatsächlich der Kern der Sache. Grohnde war an das 380-Kilovolt-Höchstspannungsnetz angebunden und speiste zu Betriebszeiten mit einer Bruttoleistung von rund 1.430 Megawatt ein. Zum Vergleich: Alle Rechenzentren in Deutschland zusammen kamen 2025 nach Zahlen des Digitalverbands Bitkom auf eine IT-Anschlussleistung von 2.980 Megawatt. Der Strombedarf der Branche lag demnach bei 21,3 Milliarden Kilowattstunden. Den Anteil der KI-Rechenzentren beziffert der Verband derzeit auf rund 530 Megawatt, bis 2030 rechnet er mit etwa 2.020 Megawatt.
Rechenzentren entstehen bislang vor allem dort, wo Netzknoten und Glasfaser zusammenkommen. Allein Hessen mit dem Raum Frankfurt steht laut Bitkom für gut ein Drittel der bundesweiten Kapazität. Niedersachsen taucht in der Liste der großen Standorte nicht auf. Ein freiwerdender Kraftwerksanschluss im Weserbergland wäre damit für die Branche ein seltenes Angebot – und für die Region eine Ansiedlung einer Größenordnung, die es hier bisher nicht gibt.
Was neue Rechenzentren heute leisten müssen
Einfach Server aufstellen ginge auch in Grohnde nicht. Das Energieeffizienzgesetz stellt an Rechenzentren, die seit dem 1. Juli 2026 in Betrieb gehen, strenge Anforderungen. Sie müssen besonders effizient arbeiten und einen festen Teil ihrer Energie wiederverwenden lassen, in der Praxis meist als Abwärme: mindestens zehn Prozent bei Inbetriebnahme ab Juli 2026, geplant 15 Prozent ab Juli 2027 und 20 Prozent ab Juli 2028. Ab 2027 müssen Betreiber ihren Stromverbrauch zudem bilanziell vollständig mit Strom aus erneuerbaren Energien decken.
Die Abwärmepflicht hat eine Hintertür: Sie entfällt unter anderem, wenn kein Wärmenetz in der Nähe die Wärme abnehmen will oder eine Kommune sich verpflichtet, ein solches Netz binnen zehn Jahren aufzubauen. Damit stellt sich eine Frage, die bislang niemand beantwortet hat: Wer im Raum Emmerthal und Hameln könnte die Wärme eines großen Rechenzentrums überhaupt nutzen? Die Stadt Hameln arbeitet an ihrer kommunalen Wärmeplanung – nach den ersten Zahlen kommen dort derzeit 65 Prozent der Wärme aus Gas und Öl.
Der Castor-Nachbar bleibt
Ein Punkt, der bei der Nachnutzung mitgedacht werden muss: Auf dem Gelände steht weiterhin das Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle. Es wird seit 2019 von der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) betrieben, hat 100 Stellplätze für Castor-Behälter und ist nach Angaben der BGZ bis 2046 genehmigt. Weil ein Endlager erst danach zur Verfügung stehen wird, bereitet sich die BGZ auf eine längere Zwischenlagerung vor. Ab voraussichtlich 2027 soll das Lager unabhängig vom übrigen Kraftwerk betrieben werden können. Ein Rechenzentrum würde also neben einem Atommülllager entstehen, das die Region noch Jahrzehnte begleitet.
Ganz neu ist die Idee, alte Kraftwerksstandorte über ihren Netzanschluss weiterzunutzen, nicht. Für das frühere Kernkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein hat PreussenElektra bereits Ende 2023 Pläne für einen Batteriespeicher mit 800 Megawatt Leistung vorgestellt.
Am Ende entscheidet auch Emmerthal
Ob in Grohnde je ein Rechenzentrum entsteht, hängt nicht nur an Konzernen. Bauleitplanung ist Sache der Gemeinde: Nach § 1 des Baugesetzbuchs stellen die Kommunen Bauleitpläne auf, soweit es für die städtebauliche Entwicklung erforderlich ist. Ein Vorhaben dieser Größe dürfte deshalb auch den Gemeinderat in Emmerthal beschäftigen – samt Fragen nach Wasserbedarf für die Kühlung, Lärm, Verkehr während der Bauzeit und Gewerbesteuer. Offen ist auch, wie viele Arbeitsplätze ein solches Rechenzentrum bringen würde; belastbare Angaben dazu gibt es bislang nicht.

