Hameln. Manfred Hellmich, ehemaliger Leiter der Zentralen Kriminaldirektion (ZKD) der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden, schweigt. Seit 3 Monaten. Zu Vorwürfen, die schwerer kaum sein könnten: Eine Durchsuchung, die laut einem Rechtsgutachten verfassungswidrig war. Eine Ermittlungsakte, in der entlastende Beweise fehlen. Und ein Mann, der dafür die Verantwortung trug – und sich weigert, auch nur ein einziges Wort dazu zu sagen.
Was Hellmich vorgeworfen wird
Als Leiter der ZKD war Manfred Hellmich bis zum 31. August 2024 verantwortlich für das Ermittlungsverfahren, das in einer Razzia am 17. Oktober 2024 gipfelte. Er beantragte den ersten Durchsuchungsbeschluss beim Amtsgericht Hannover.
Die Akte, die dem Gericht vorgelegt wurde, war grob unvollständig. Einseitig. Mangelhaft.
Was fehlte:
Die Kontrollberichte von PHKin Falke (Name geändert), die neun Monate lang das betroffene Objekt überprüft hatte – ohne jede Beanstandung. Die Berichte hätten den Tatverdacht erschüttert. Sie wurden dem Gericht nicht vorgelegt. Bewusst? Vieles deutet darauf hin.
Eine förmliche Vernehmung der Belastungszeugin. Sie wurde nie durchgeführt – obwohl drei Monate Zeit gewesen wären. Obwohl eine Ladung nach § 163 Abs. 3 StPO möglich und geboten gewesen wäre. Bewusst? Vieles deutet auch hierauf hin.
Eine Befragung von PHKin Falke selbst. Die Beamtin, deren Kontrollen den Verdacht hätten entkräften können, wurde vor der Durchsuchung nicht einmal angehört. Ein Zufall? Wohl kaum. Sie war federführend für den Themenbereich zuständig. Hellmich selbst hatte ihr diese Funktion übertragen.
Was in der Akte blieb: Vage, anonyme Beschwerden aus der Vergangenheit. Belastendes Material. Die andere Seite – die entlastende – existierte für das Gericht nicht.
Quelle: Überwachungsaufnahmen, Tim MenkeDas Gutachten: „Rechts- und verfassungswidrig“
Am 27. August 2025 legte Prof. Dr. Volker Erb sein Gutachten vor. Erb ist nicht irgendwer: Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Herausgeber des Löwe-Rosenberg StPO-Kommentars – des Standardwerks zum deutschen Strafprozessrecht.
Sein Urteil ist vernichtend.
Die Durchsuchung sei „rechts- und im Hinblick auf Art. 13 GG verfassungswidrig“. Die Ermittler hätten gegen die Objektivitätspflicht nach § 160 Abs. 2 StPO verstoßen – jene Vorschrift, die Polizeibeamte verpflichtet, nicht nur belastende, sondern auch entlastende Umstände zu ermitteln.
Erb zitiert die Sachbearbeiterin Lerche (Name geändert), die in einem Vermerk schrieb, sie habe „Zweifel daran, dass sich aus ihrer Aussage weitere erschwerende Hinweise zu den bislang schon vorliegenden Anhaltspunkten für das hiesige Strafverfahren ergeben“. Erb kommentiert: Die Beamtin habe damit zum Ausdruck gebracht, dass es ihr „offenbar ausschließlich darum ging, zusätzliche belastende Hinweise zu gewinnen“ – während sie „die umgekehrte Möglichkeit, dass sich die für das Vorliegen von Zuhälterei bestehenden Anhaltspunkte zerschlagen könnten, völlig ausblendete“.
Ein solches Vorgehen, so Erb, sei „mit dem in § 160 Abs. 2 StPO verankerten Objektivitätspostulat nicht zu vereinbaren“.
Wer trug die Verantwortung für diese Ermittler? Manfred Hellmich.
Quelle: Überwachungsaufnahmen, Tim MenkeDie Anfragen – und die Mauer des Schweigens
DOSSIER HAMELN hat Hellmich die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben. Am 14. Oktober 2025 ging eine Presseanfrage an Hellmich. Am 11. November 2025 ging eine Interviewanfrage an Hellmich.
Die Antwort der Polizeidirektion: Keine inhaltliche Reaktion.
Seitdem: Nichts.
Keine Stellungnahme. Keine Richtigstellung. Keine Erklärung.
Auch keine Strafanzeige wegen Verleumdung – was bemerkenswert ist. Denn wenn die Vorwürfe unwahr wären, stünde Hellmich dieser Weg offen. Er geht ihn nicht.
94 Tage sind vergangen. Manfred Hellmich schweigt.
Quelle: Überwachungsaufnahmen, Tim MenkeWas das Schweigen bedeutet
Es gibt keine rechtliche Pflicht für Hellmich, sich zu äußern. Er darf schweigen.
Aber was bedeutet dieses Schweigen?
Juristisch: nichts. Faktisch: viel.
Wer unschuldig ist, wehrt sich. Wer zu Unrecht beschuldigt wird, klagt oder stellt richtig. Wer 94 Tage schweigt, während sein Name auf einer LED-Tafel im Stadtzentrum steht – der hat entweder nichts zu sagen oder will nichts sagen.
Beides ist bezeichnend.
Das Schweigen ist auch ein Versagen seines Dienstherren. Polizeidirektor Matthias Kinzel, Leiter der PI Hameln-Pyrmont/Holzminden, lässt seinen früheren ZKD-Chef 93 seit Tagen im Regen stehen. Keine Verteidigung. Keine Aufklärung. Keine Stellungnahme der Behörde zu den Vorwürfen gegen einen ihrer Führungsbeamten.
Die öffentliche Dimension
Seit dem 17. Oktober 2025 – dem ersten Jahrestag der verfassungswidrigen Durchsuchung – informiert DOSSIER HAMELN die Öffentlichkeit, auch über eine LED-Tafel im Hamelner Stadtzentrum. 30.000 Autokontakte täglich. Die Botschaft: Durchsuchung verfassungswidrig. Ex-Kripo-Chef schweigt.
Die Berichterstattung wird seit über 90 Tagen ausgestrahlt.
Hellmichs Reaktion: keine.
Keine Gegendarstellung. Keine Unterlassungsklage. Keine einstweilige Verfügung. Nichts.
Ein Mann, dem vorgeworfen wird, eine mangelhafte Ermittlungsakte zu verantworten, lässt diese Vorwürfe 94 Tage lang unwidersprochen im öffentlichen Raum stehen. In einer Stadt mit 59.000 Einwohnern. An einer Straße, die täglich Zehntausende passieren.
Das ist entweder Gleichgültigkeit oder Kalkül. Oder das Eingeständnis, dass es auf die Vorwürfe keine gute Antwort gibt.
Das System hinter dem Schweigen
Hellmichs Schweigen steht nicht allein. Es ist Teil eines Musters.
Am 14. Januar 2026 reichte DOSSIER HAMELN eine Fachaufsichtsbeschwerde gegen Polizeidirektor Matthias Kinzel beim Niedersächsischen Innenministerium ein. 27 Seiten. Fünf Hauptvorwürfe. Einer davon: Die Duldung verfassungswidriger Durchsuchungen.
Das Dokument zeichnet nach, wie unter Kinzels Leitung zwei aufeinanderfolgende ZKD-Leitungen – erst Hellmich, dann seine Nachfolgerin – identische Fehler begingen. Unvollständige Akten. Vorenthaltene Beweise. Gerichte, die auf falscher Grundlage entschieden.
Kein Einzelfall, sondern System.
Kinzel war bei allen relevanten Vorgängen informiert – per E-Mail in Kopie gesetzt. Seine Reaktion: dieselbe wie die seines ehemaligen ZKD-Leiters.
Schweigen.
Quelle: Überwachungsaufnahmen, Tim MenkeDie offenen Fragen
93 Tage ohne Antwort. Die Fragen bleiben:
Warum wurden die Kontrollberichte von PHKin Falke nicht in die Akte aufgenommen?
Warum wurde die Belastungszeugin nie förmlich vernommen, obwohl drei Monate Zeit waren?
Warum wurde PHKin Falke, die das Objekt neun Monate lang ohne Beanstandung kontrolliert hatte, vor der Durchsuchung nicht befragt?
Wer entschied, dem Amtsgericht Hannover nur die belastenden Informationen vorzulegen?
War es Hellmich selbst? War es auf seine Anweisung? Oder unter seiner Aufsicht, ohne sein Wissen – was mindestens Führungsversagen wäre?
Manfred Hellmich könnte diese Fragen beantworten. Er kennt die Abläufe. Er war dabei. Er war verantwortlich.
Er schweigt.
Quelle: PrivatAusblick
Die erste Fachaufsichtsbeschwerde liegt beim Innenministerium. Die Fragen sind gestellt. Die Dokumente sind eingereicht. Das Gutachten von Prof. Dr. Erb liegt vor.
Was jetzt passiert, liegt nur geringfügig in der Hand von DOSSIER HAMELN. Es liegt vorwiegend in der Hand des Ministeriums – und bald der Generalstaatsanwaltschaft Celle. Der Redaktion liegen die Entwürfe zu zwei Strafanzeigen vor, die es in sich haben. Und: Es liegt in der Hand von Manfred Hellmich. Er kann weiter schweigen. Das ist sein Recht.
Aber jeder Tag, der vergeht, ist ein weiterer Tag, an dem die Vorwürfe unwidersprochen bleiben. Ein weiterer Tag, an dem 30.000 Autos an der Berichterstattung vorbeifahren. Ein weiterer Tag, an dem Hameln keine Antworten bekommt.
Bildquellen
- Manfred Hellmich, ehem. ZKD-Leiter der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont Holzminden. Quelle: Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden: Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden
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