Die Präventionskampagne „Herzschlag“ des Landeskriminalamts Niedersachsen macht Station in Hameln. Bei der Eröffnungsveranstaltung an der Elisabeth-Selbert-Schule sprachen Vertreter aus Politik, Polizei und Bildung über ein Thema, das in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt – und über das noch immer zu wenig geredet wird: Gewalt in Partnerschaften.
Von Tim Menke
Rund 70 Gäste hatten sich am 11. Februar in der Aula der Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln eingefunden, als die Wanderausstellung „Herzschlag – Wenn aus Liebe Gewalt wird“ für den Landkreis Hameln-Pyrmont eröffnet wurde. Die Kampagne des Landeskriminalamts Niedersachsen richtet sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene – und an alle, die in ihrem Umfeld Warnsignale erkennen und helfen wollen.
Unter den Rednern waren Kriminalhauptkommissarin Patrizia Vukobradovic – Geschäftsführerin der Interdisziplinaren Koordinierungsstelle Häusliche Gewalt – von der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden, Schulleiter Björn-Ole Lenz, Polizeipräsidentin Tanja Wulff-Bruhn von der Polizeidirektion Göttingen, Mareike Lotte Wulf, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sowie Landrat Dirk Adomat. Schülerinnen und Schüler der Elisabeth-Selbert-Schule waren aktiv in die Veranstaltung eingebunden und lasen tatsächliche Erfahrungsberichte vor.
Vukobradovic: Seit Jahren an vorderster Front
Patrizia Vukobradovic kennt die Realität hinter den Zahlen. Die Kriminalhauptkommissarin leitet seit 2019 die „Kompetenzgruppe Häusliche Gewalt“ bei der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden und war maßgeblich am Aufbau der interdisziplinären Koordinierungsstelle Häusliche Gewalt beteiligt, die Ende 2021 mit einer Kooperationsvereinbarung zwischen Polizei und den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Holzminden gegründet wurde. Inzwischen ist sie Geschäftsführerin dieser Koordinierungsstelle.
Die Koordinierungsstelle bringt zusammen, was vorher getrennt arbeitete: Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendämter, Frauenhäuser, Beratungsstellen und Gerichte setzen sich in interdisziplinären Fallkonferenzen gemeinsam an einen Tisch, um Betroffene besser zu schützen. Das Modell basiert auf der Istanbul-Konvention, dem europäischen Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt.
Staatssekretärin Wulf: Gewaltschutz ist Bundesaufgabe – und persönliches Anliegen
Dass eine Parlamentarische Staatssekretärin aus Berlin nach Hameln kommt, um eine Präventionskampagne zu eröffnen, ist kein Zufall. Mareike Lotte Wulf ist nicht nur im Bundesfamilienministerium für den Bereich Gleichstellung und Gewaltschutz zuständig – sie ist auch Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Hameln-Pyrmont/Holzminden, Mitglied im Kreistag Hameln-Pyrmont und lebt im Landkreis. Seit November 2025 ist sie zudem Kinderchancen-Koordinatorin der Bundesregierung.
Partnerschaftsgewalt ist längst als bundespolitisches Thema erkannt. Laut Bundeskriminalamt waren im Jahr 2023 über 256.000 Menschen von häuslicher Gewalt betroffen – die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem aktuellen oder ehemaligen Partner getötet.
Eine Kampagne, die nicht belehrt, sondern berührt
„Herzschlag“ ist anders als klassische Präventionsprojekte. Die Kampagne setzt nicht auf Statistiken und erhobene Zeigefinger, sondern auf Geschichten, Gefühle und Wiedererkennung. Ein professionell produzierter Kurzfilm, der bei der Veranstaltung gezeigt wurde, erzählt von einer Beziehung, die schleichend kippt – von der Verliebtheit über erste Kontrolle bis zur Eskalation. Die Wanderausstellung macht die verschiedenen Formen von Partnerschaftsgewalt greifbar: körperliche, psychische, sexualisierte und digitale Gewalt.
Besonders eindringlich: Die Kampagne zeigt, dass Gewalt in Beziehungen nicht mit dem ersten Schlag beginnt. Psychische Gewalt – Abwertung, Isolation, Kontrolle, Gaslighting – geht der körperlichen Gewalt in den meisten Fällen voraus. Und sie ist für Außenstehende oft unsichtbar.
32.545 Fälle – und das ist nur die Spitze
Lena Kramer vom Landeskriminalamt Niedersachsen – Dezernat FPJ / Prävention – ordnete das Thema mit Blick auf die niedersächsische Polizeiliche Kriminalstatistik ein. Allein in Niedersachsen registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 32.545 Fälle häuslicher Gewalt – ein Anstieg von knapp neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 70 Prozent der Opfer sind weiblich, rund 76 Prozent der Tatverdächtigen männlich. Partnerschaftsgewalt ist dabei kein Phänomen bestimmter Herkunftsgruppen: Rund 70 Prozent der Tatverdächtigen besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.
Gewalt in Beziehungen zieht sich durch alle Schichten, Milieus und Nationalitäten. Wie groß das tatsächliche Ausmaß ist, verdeutlicht die erst am 10. Februar vom BKA veröffentlichte Dunkelfeldstudie „LeSuBiA“: Weniger als fünf Prozent der Fälle von Partnerschaftsgewalt werden überhaupt angezeigt – 19 von 20 Taten bleiben im Verborgenen.
Die Elisabeth-Selbert-Schule als besonders geeigneter Veranstaltungsort
Dass die Eröffnung an der Elisabeth-Selbert-Schule stattfand, ist kein Zufall. Die berufsbildende Schule unter der Leitung von Björn-Ole Lenz bildet unter anderem in den Bereichen Sozialpädagogik, Gesundheit und Pflege aus – Berufsfelder, in denen Fachkräfte regelmäßig mit den Folgen häuslicher Gewalt konfrontiert werden. Die Schule wurde 2017 als beste berufsbildende Schule Deutschlands ausgezeichnet und ist als Kompetenzzentrum des Landkreises Hameln-Pyrmont ein Ort, an dem Prävention und Bildung zusammengehören.
Landrat Dirk Adomat hatte die Bedeutung der institutionenübergreifenden Zusammenarbeit bereits bei der Gründung der Koordinierungsstelle 2021 betont: Häusliche Gewalt sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, das in allen Schichten vorkomme – und das nur gemeinsam bekämpft werden könne.
Was Betroffene und ihr Umfeld wissen sollten
Die „Herzschlag“-Kampagne will nicht nur informieren, sondern konkret helfen. Für alle, die betroffen sind oder jemanden kennen, der betroffen sein könnte, hier das Wichtigste:
Warnsignale erkennen
Partnerschaftsgewalt beginnt selten mit einem Schlag. Sie beginnt mit Kontrolle. Wer folgende Muster bei Freunden, Familienmitgliedern oder Kollegen beobachtet, sollte aufmerksam werden:
Der Partner oder die Partnerin kontrolliert, mit wem die betroffene Person Kontakt hat. Soziale Kontakte werden eingeschränkt oder unterbunden. Es gibt ständige Kritik, Abwertung oder als „Witze“ getarnte Kränkungen. Die betroffene Person verändert sich – wird stiller, unsicherer, zieht sich zurück. Unerklärliche Verletzungen treten auf, die heruntergespielt oder verheimlicht werden. Der Partner oder die Partnerin zeigt extreme Eifersucht oder kontrolliert Handy, Nachrichten und Passwörter. Es gibt finanzielle Abhängigkeit – kein eigener Kontozugang, Arbeitsverbot, Wegnahme von Geld.
Hilfsangebote in der Region
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016 – rund um die Uhr, kostenlos, anonym, in 18 Sprachen. Auch per Online-Beratung unter www.hilfetelefon.de.
BISS – Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (Hameln-Pyrmont): Anlaufstelle für Betroffene, auch ohne Anzeige. Kontakt über das Hilfetelefon oder die BISS-Stelle.
Vertrauliche Spurensicherung – Wer sich noch nicht sicher ist, ob eine Anzeige erstattet werden soll, kann Verletzungen trotzdem ärztlich dokumentieren lassen – als Beweismittel für einen späteren Zeitpunkt.
Gewaltschutzgesetz – Betroffene können beim Amtsgericht ein Kontakt- und Näherungsverbot beantragen. Dabei können Beratungsstellen oder Rechtsanwälte unterstützen.
Für Jugendliche: Nummer gegen Kummer: 116 111 (Mo–Sa, 14–20 Uhr). Online-Beratung unter www.nummergegenkummer.de.
Was Freunde und Angehörige tun können
Nicht wegschauen. Wer den Verdacht hat, dass jemand im eigenen Umfeld von Partnerschaftsgewalt betroffen ist, kann helfen – auch ohne sofort die Polizei zu rufen. Signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft, ohne Druck auszuüben. Glauben Sie der betroffenen Person. Machen Sie keine Vorwürfe. Informieren Sie sich über Hilfsangebote und geben Sie diese weiter. Und: Auch Angehörige können sich bei den Beratungsstellen beraten lassen – nicht nur Betroffene selbst.
Die Ausstellung kommt weiter
Die Wanderausstellung „Herzschlag“ ist noch bis zum 26. Februar an der Elisabeth-Selbert-Schule zu sehen, bevor sie an ihren nächsten Standort weiterzieht. Schulen und Einrichtungen, die die Ausstellung ausleihen möchten, können sich an das Landeskriminalamt Niedersachsen wenden: Dezernat FPJ, Zentralstelle Prävention, Telefon 0511 9873-1203 oder per E-Mail an praevention@lka.polizei.niedersachsen.de.
Alle Informationen zur Kampagne, einschließlich des Kurzfilms, eines interaktiven Spiels zur Selbsteinschätzung und wahrer Geschichten von Betroffenen, finden sich unter www.herzschlag-kampagne.de.
Partnerschaftsgewalt ist keine Privatsache. Wenn Sie betroffen sind oder jemanden kennen, der betroffen sein könnte: Das Hilfetelefon 116 016 ist rund um die Uhr erreichbar – kostenlos, anonym und vertraulich.


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