Nach über zehn Jahren Stillstand, Vandalismus und mehreren Großbränden rücken die Bagger an. Die Schadstoffanalyse der Hamelner Wesermühlen lieferte überraschend positive Ergebnisse und macht den Weg frei für eine europaweite Ausschreibung der Abbrucharbeiten.
Hameln. Es ist ein weithin sichtbares Relikt der Industriegeschichte, das das Stadtbild am Weserufer seit den 1950er Jahren prägt – doch die Tage der Wesermühlen sind gezählt. Nachdem die Stadt Hameln den Komplex im Sommer 2024 erworben hat, liegen nun die Ergebnisse der Schadstoffuntersuchungen vor. Das Ergebnis: Die Belastung durch gesundheitsschädliche Stoffe wie PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) ist geringer als bei Gebäuden dieses Alters (Baujahr 1950er/60er) befürchtet.
Sprengung oder Abriss?
Ab dem Spätsommer 2026 soll es dem zwölfstöckigen Betriebsgebäude in der Ruthenstraße „an den Kragen gehen“. Zunächst erfolgt die Entkernung, bevor die schwere Entscheidung fällt: kontrollierte Sprengung oder konventioneller Abriss per Bagger. Die Stadt wartet hierzu die Angebote der Fachfirmen ab. Bevor jedoch die erste Wand fällt, müssen die aktuellen „Bewohner“ umziehen: Eine faunistische Untersuchung klärt derzeit, wo Turmfalken und Fledermäuse Ersatzquartiere finden.
Gefahr aus dem Boden und Funk-Engpässe
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Kampfmittelsondierung. Da Industriehäfen im Zweiten Weltkrieg bevorzugte Ziele für Luftangriffe waren, wertet das Landesamt für Geoinformation und Landvermessung (LGLN) historische Luftbilder aus, um Blindgänger im Boden oder im Hafenbecken auszuschließen.
Während das Mühlengebäude bald Geschichte ist, bleiben die 61 Meter hohen Getreidesilos vorerst stehen. Sie dienen aktuell als unverzichtbarer Mobilfunk-Standort. Ein Ersatzbau – möglicherweise ein multifunktionaler Turm am Weserradweg für Touristen – ist im Gespräch, aber noch nicht konkret geplant.
Vision für ein neues Hafenquartier
Oberbürgermeister Claudio Griese sieht in der Industriebrache das größte Potenzial für die Stadtentwicklung der kommenden Jahrzehnte. Wo früher Mehl gemahlen wurde, könnte nach dem Vorbild moderner Wasserlagen-Quartiere in Bremerhaven oder Bottrop ein urbanes Wohnviertel entstehen. Nach Jahren der Vernachlässigung unter wechselnden Investoren und gefährlichen Brandereignissen scheint die Ära des „Lost Place“ nun endgültig zu enden.
Der gesamte Abriss- und Entsorgungsprozess wird voraussichtlich rund ein Jahr in Anspruch nehmen.
Bildquellen
- Wesermühlen in Hameln – Foto: Stadt Hameln: Stadt Hameln
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